Katholisch in Hall - Katholische Gesamtkirchengemeinde Schwäbisch Hall
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Lebendige Vision

Auf einmal wird die uralte Vision lebendig. Die Erlösung kommt nicht von oben, mit Pauken und Trompeten mit einem letzen Fanal. Das Heil breitet sich von unten aus, ist verletzlich und menschlich. Dort draußen am Rand der Welt, an der Grenze der Zivilisation kommt das Heil zur Welt. Nicht pompös mit Musik, Fanfaren und Kanonenschüssen, die normalerweise einen kommenden Herrscher ankündigen. Unscheinbar, verwundbar tritt Gott in das Leben der Menschen ein. Im kleinen Kind, in der Stadt Davids, kommt der Retter zur Welt, so erzählt es der Evangelist Lukas. Alles ist offen, nicht festgeschrieben und festgezurrt. Die Regierungserklärung des Kommenden verliert keine großen Worte. Sie ist ein Zeichen: Im Bild des Säuglings ist eigentlich schon alles gesagt. Die neue Macht heißt Ohnmacht, die neue Stärke Gewaltlosigkeit.

Die Welt ist aus den Fugen geraten, der Mittelpunkt hat sich von Rom nach Betlehem verschoben. Gott bietet den Menschen einen neuen Weg an. Nicht die militärische Gewalt eines Kaisers Augustus hat Zukunft, sondern die pure Menschlichkeit im Stall von Betlehem.

Es ist eine Provokation, ein Herausrufen sondergleichen. Die alten Götter sind relativiert und haben ausgedient. Götter, in denen sich die Menschen oft nur selbst gesehen haben. Wie toll sie doch sind, welche Stärken sie haben. Nichts schien unmöglich. Doch die Sehnsucht nach einem Neuanfang war stärker, weil eben die alten Versuche nicht zum Ziel führten. Auf einmal kann man sich wie in einem Spiegel selbst sehen. Im Kind von Betlehem erkennt der Mensch sich selbst, seine Potentiale, seine Ohnmacht, seine Hilfsbedürftigkeit, die ganze Bandbreite des menschlichen Daseins wird dort sichtbar.

Die Erzählung der Heiligen Nacht geht zu Herzen und löst in uns etwas aus. Wir erleben die die Hoffnung, dass es auch noch andere Lösungsmöglichkeiten geben kann, dass das menschliche Vermögen mehr Potential besitzt als gedacht, dass Entwicklungschancen bestehen.

Die Botschaft ist überdeutlich: in jedem Menschen kommt Gott zur Welt, in jedem Menschen begegnen wir einem Abbild des Höchsten, in jedem Menschen ist ein Stück von Betlehem zu erahnen. Das Evangelium präsentiert damit keine leichte Kost, die Worte können nicht einfach abgehakt werden und man geht dann wieder zur normalen Tagesordnung über. Eben weil die menschliche Würde im Evangelium einen zentralen Dreh- und Angelpunkt besitzt, können wir nicht einfach an anderen Menschen achtlos vorbeigehen.

Das Heil kommt in die Geschichte. Nicht irgendwann einmal vielleicht. Sondern fassbar, mitten in der Welt und unter den Menschen, als Augustus Kaiser des römischen Reiches und Quirinius sein Statthalter in Syrien war.

Das neue Leben bricht sich die Bahn. Denn vom Kind wird man später einmal sagen, dass in diesem Menschen die alten Worte der Propheten in Erfüllung gegangen sind: dass Lahme gehen konnten, Stumme redeten, Aussätzige rein wurden. Dass Gottes Reich durch ihn lebendig und erfahrbar wurde. Sogar, dass der Tod durch ihn besiegt wurde, weil der Ewige mit ihm war,

Und doch sind das keine bloßen Lehrsätze von schlauen Theologen einmal klug formuliert, schnell kraftlos und ausgebrannt, weil sie mit dem eigentlichen Leben nichts mehr zu tun haben. Wer das Geheimnis von Betlehem erfahren möchte, muss aufstehen und sich zu den Menschen aufmachen, denn in jeder und jedem ist Gott selbst Mensch geworden. Da helfen keine schlauen Bücher und kluge Erläuterungen. Man muss sich selbst trauen, den Aufstand wagen, der einen an den Rand führt. Man muss Gott vertrauen, dass er auch das scheinbar Unmögliche zu Wege bringen kann, dass Grenzen sich öffnen, dass Mauern fallen. Dann kann jedes Licht und sei es noch so klein, zum Wegweiser zur Krippe, zum Hoffnungslicht werden. Denn bei Gott ist nichts unmöglich.

Pastoralreferent Wolfram Rösch

Mitten unter uns das neue Leben


Lukas 24,36-48
Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen solche Zweifel aufkommen? Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht. Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße.
Sie staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben. Da sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch; er nahm es und aß es vor ihren Augen.
Dann sprach er zu ihnen: Das sind die Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist. Darauf öffnete er ihnen die Augen für das Verständnis der Schrift. Er sagte zu ihnen: So steht es in der Schrift: Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, und in seinem Namen wird man allen Völkern, angefangen in Jerusalem, verkünden, sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden. Ihr seid Zeugen dafür.


Lukas ist kein Zeuge der Auferstehung, sondern er schrieb sein Evangelium aus der Perspektive der 2. Generation. Die Zeitgenossen Jesu sind nach und nach verstorben. Es geht jetzt darum, das Erbe zu bewahren, die Glut unter der Asche zu entdecken und weiterzugeben. Den Evangelisten trieb die Frage wie das Geheimnis der Auferstehung in der eigenen Gemeinde zu erfahren ist. Auch damals suchten die Menschen nach einer Möglichkeit, das Glaubensbekenntnis wirklich begreifen zu können und es mit den Händen fassbar werden zu lassen. Das kann aber in eine Sackgasse führen, so Lukas, denn obwohl die Menschen Jesus berühren konnten ging das ins Leere, denn „sie konnten es immer noch nicht glauben“, dass er nämlich lebt.

Lukas weist einen neuen Weg, sich dem Geheimnis der Auferstehung zu nähern:

  • Es heißt für ihn die Schrift in die Hand zunehmen, sie neu zu lesen und sie aus dem Blickwinkel der Barmherzigkeit zu begreifen, die Jesus lebte.
  • Auferstehung das meint Jesu Worte ins eigene Leben zu übersetzen und das bedeutet den Aufstand zu wagen. Als Gemeinde, als einzelner prophetisch aufzustehen, wenn Ungerechtigkeit herrscht, wenn Leben vernichtet wird.
  • Auferstehung hat mit Gemeinschaft zu tun. Die Berührung im Friedensgruß hat konkrete Folgen, in dem ich im anderen Menschen Schwester und Bruder in Jesu sehe, so schwer das manchmal auch fällt. Aber das ist eben das, was Jesus mit Reich Gottes meint. Nur so wird Umkehr, die Neuausrichtung des Lebens lebendig.
  • Auferstehung bedeutet, das Brot, das man in den Händen hält verwandeln zu lassen, um es gemeinsam zu verteilen. Das kleine Stück Brot wird zum Zeichen des Liebesdienstes Jesu. Wir teilen unser Brot und unser Leben miteinander. Und das heißt alles andere als eine Kommunionfeier, bei der man vorher aus dem Tabernakel die Hostien geholt hat.

Dann werden die alten Erzählungen auf einmal lebendig und sind nicht mehr Teil der Geschichte, die scheinbar abgeschlossen ist. Und es entstehen Momente der eigenen Gewissheit, dass Jesus lebt, denn mitten unter uns greift schon das ungeahnte, unverhoffte, neue Leben.

P. Leo Stein

Im Licht des neuen Tages

Die Evangelien bleiben zurückhaltend, wenn es um die Auferstehung geht. Kein wo, wann und wie, sondern ein „Dass“. Wer Auferstehung erfahren möchte, muss sich aufmachen, muss sich mit dem Tod auseinandersetzen. Man muss aufstehen, sich öffnen, dass man von dem ergriffen werden kann, was jenseits des eigenen Selbst liegt. Man muss wagen, aus Konventionen auszusteigen auch vom Leben reden, wenn der Tod doch zu präsent ist.

Die Auferstehung bleibt ein Geheimnis Gottes. Es geht nicht darum, ein Rätsel zu lösen, um sich danach weiter der Tagesordnung zuzuwenden, als sei nichts geschehen. Geheimnis bedeutet mit der schöpferischen Kraft Gottes zu rechnen, mit seiner Liebe zu den Menschen, die auch vor dem Tod nicht Halt macht. Was Menschen zerstört, was sie passiv werden lässt, was einschränkt, was lähmt, was Menschsein unmöglich macht, hat seit dem jenem Morgen in Jerusalem ein endgültiges „Contra“ erhalten.

Der Alltag wird weitergehen. Nach wie vor sind das Leid und der Tod in unserem Leben präsent. Aber seit jenem Morgen in Jerusalem ist die Welt verwandelt worden. Das Leben hat gesiegt, ein für allemal. Frauen haben die Botschaft in alle Welt hinausgetragen, erfüllt von der Freude, dass Jesus lebt.

Wer die Auferstehung erfahren möchte, muss sich der Nacht des Todes stellen, in die Dunkelheit hinausgehen und sich nicht damit abfinden, dass man ohnehin nichts tun kann. Wer Auferstehung erfahren möchte muss protestieren gegen jede Form des Todes, darf nicht gelichgültig sein, sondern muss Partei ergreifen überall dort, wo das Leben nichts mehr wert ist. Wer österlich leben möchte, muss aufstehen und den Aufbruch wagen. Hinein ins Ungewisse, in dem dennoch, fast zum Trotz der neue Morgen zu erahnen ist.

Das Licht des neuen Tages weist in die Ewigkeit Gottes. Ostern macht ernst mit dem Leben, weil es sich mit dem Tod nicht anfreunden will. Und das ist der Aufstand, der in der Auferstehung steckt. Hier und jetzt.

Pastoralreferent Wolfram Rösch

Gegenentwurf

Die Welt ist erlösungsbedürftig nach wie vor. Im Kreuz begegnen wir einem Gegenentwurf gegenüber manch naheliegenden menschlichen Auswegen: dem Hammer der Gewalt, der dreinschlägt und das Recht des Stärkeren durchsetzt; der Meinung, ausschließlich selbst im Mittelpunkt zu stehen; der Flucht aus der Wirklichkeit in eine selbstgeschaffene heile Welt; eine krankhafte Auffassung von Schuld, die den Menschen kleinmacht und niederdrückt. Jesus präsentiert eine Gegenwirklichkeit, eine Gegenwirklichkeit „zur Unheils-Wirklichkeit der Entwürdigung, die die Menschen zu Opfern macht und deshalb dazu antreibt, andere zum Opfer zu entwürdigen“ wie es der Münsteraner Theologe Jürgen Werbick umschreibt. Gottes Schöpferehre verlange nicht die Satisfaktion - also die Entschädigung, Wiedergutmachung, Sühne - der Sünder oder ihres Stellvertreters, „sondern die Würdigung derer, deren Würde niemand sonst verteidigt“. Beispielhaft hat das Jesus getan, indem er sich bedingungslos solidarisch an die Seite der Leidenden stellte. Sein Handeln war keine Stellvertretung, aber ein gott-menschlicher Akt, der Wirklichkeit verändert hat: die Würdigung derer, die andere um ihre Würde gebracht haben.

Der Karfreitag stellt allzu gefällige Denksysteme infrage. Jesus ermutig uns, uns auf die Seiten der Schwachen, der Benachteiligten und Deplatzierten zu stellen, um gerade dadurch eine die neue Wirklichkeit zu eröffnen, die er selbst gelebt und verkündet hat. Wir dürfen in seiner Spur ihm nachfolgen und Gegenpositionen einnehmen: wie der holländische Jesuit Frans van der Lugt, der in der syrischen Stadt Homs ermordet wurde. Er hielt es bis zum Schluss aus, weil er die Menschen nicht im Stich lassen wollte. Er war von allen Seiten geschätzt: Christen, Muslime, Aleviten. An seinem Grab fielen sich Menschen in die Armen, die zuvor schon lange nichts mehr miteinander geredet hatten. Oder wie Lea Ackermann, eine deutsche Ordensfrau, die sich auf die Seite von Zwangsprostituierten gestellt hat und mit ihrer Organisation SOLWODI massiv auf die Not der Frauen weltweit aufmerksam macht. Ich denke an Bischof Erwin Kräutler, der in Brasilien eine Stimme für die unterdrückten Indianer ist. Ein Bischof, der keinen Wert auf eine prachtvolle Residenz legt, der im einfachen T-Shirt bei den Menschen ist, ein Mann der Kirche, der sich den Sklavenschurz angezogen hat und buchstäblich den Armen die Füße wäscht. Da gibt es die vielen Namenlosen, die sich für den Frieden einsetzen, die sich nicht auf das Spiel von Gewalt und Gegengewalt einlassen; da ist die Begleiterin im Hospiz, die einfach für die Gäste da ist, die zuhört, tröstet, beisteht, die die Hand hält und zeigt: „Du bist nicht allein.“

Ein Schandmal ist das Kreuz in der Tat, es ist sperrig, stößt vor den Kopf und läuft unserem Denken quer. Es stimmt: das Kreuz zeigt uns die Schande, die Menschen anderen Menschen antun können. Damals und heute! Doch gleichzeitig kann es zum Zeichen des Heils werden, weil es ermutigt, Christinnen und Christen, als auch Menschen guten Willens, nicht zu resignieren und sich nicht mit dem Gegebenen abzufinden.

P. Beda Löhner

Offen für die Zukunft werden

Dass die meisten Lebenswege nicht geradlinig verlaufen haben wir schon alle erlebt. In kaum einer Biographie steht schon zu Beginn fest, wohin es einmal gehen wird: Wir wechseln die Arbeitsstelle, eine Partnerschaft scheitert, beruflich findet eine Neuorientierung statt, wir ziehen um und neue Freundschaften bilden sich. Der Begriff „neue Unübersichtlichkeit“ bringt das gut auf den Punkt. Ich muss mich täglich neu orientieren und an der eigenen Lebensgeschichte arbeiten. Nicht alle Menschen stemmen diese Herausforderung. Sie suchen einen Halt, an dem sie sich festklammern können. Sie wünschen klare Antworten, was richtig oder falsch ist. Je einfacher diese sind, umso attraktiver scheinen sie dann zu werden.

Der Fundamentalismus greift den Wunsch nach Sicherheit und Orientierung auf. Ursprünglich stand er für das Selbstverständnis religiöser Kreise, die sich wieder auf ihre Fundamente besinnen wollen. Ihr Leitwort war: „Zurück zu den Wurzeln, zurück zur Grundlage.“ Eigentlich ist dieser Gedanke gut, denn jede gesellschaftliche Gruppierung, Religion, Partei oder Gewerkschaft sollte sich regelmäßig auf ihre Grundlagen besinnen und nach dem eigenen Selbstverständnis und den Werten fragen.

Heute ist der Begriff negativ besetzt. Wir bringen ihn mit Unterdrückung der Meinungsfreiheit, eine begrenzte Weltsicht und einer einseitigen Auslegung heiliger Schriften in Verbindung. Dabei beschränkt sich der Fundamentalismus nicht ausschließlich auf die Religion. Ich denke da an Wirtschaftsfachleute, die nicht über den Tellerrand schauen und nur ihre Meinung gelten lassen. Ich habe Politiker im Blick, die von Alternativlosigkeit und „basta“ reden, oder Zeitgenossen, die meinen, die alleinige Deutungshoheit zu besitzen. Fundamentalisten sind auch Religionsführer, bei denen Tradition ausschließlich auf die letzten Jahrhunderte beschränkt ist und die in ihrem einseitigen Weltbild gefangen sind.

Es ist erschütternd, was Menschen im Namen ihres Fundamentalismus rechtfertigen: die Ermordung Unschuldiger durch die IS-Kämpfer und die Zerstörung wertvollen Kulturgutes im Irak. Für einen Dialog sind diese Fanatiker taub. Bei ihnen zählt nur die Waffengewalt, der Schlachtruf im Namen ihres verkürzten und deformierten Gottesbildes und ihres begrenzten Horizontes, in dem Andersdenkende oder noch ältere Traditionen nicht vorkommen. Aber auch um mich herum erlebe ich Fundamentalismus. Es entstehen neue Feindbildbilder durch die Angst vor Fremden, ich denke an die Unbeweglichkeit meiner Kirche bei vielen aktuellen Fragen.

Gelingt es uns Menschen, uns gegenseitig zu verstehen, zu achten und gemeinsam das Leben zu schützen? Manchmal habe ich schon meine Zweifel. Dennoch trägt ein Großteil der Menschen die Vision von Frieden und Gerechtigkeit in sich und wir teilen ähnliche Sehnsüchte. Hier wäre für mich das Fundament für einen Dialog, in den sich die Religionen und Weltanschauungen gemeinsam einbringen könnten. Für uns Christen stünde hier die Zusage Gottes, dass wir im anderen Menschen ihm selbst begegnen, eine gemeinsame Wurzel haben und schließlich in uns die Kraft der Verwandlung ist.

So entstünde die Chance, gemeinsam die Welt zu gestalten, ohne sie gleich in gut oder böse, schwarz oder weiß einteilen zu müssen. Die Zukunft wäre offen, weil man nicht von vornherein festgelegt und ausschließlich auf einen vorherbestimmten Lebensweg fixiert wäre. Man kann aus der Fülle an Möglichkeiten schöpfen. Und aus dem scheinbar Vorherbestimmten und Unwandelbaren entsteht eine Entdeckungsreise zur Lebensfülle.

Pastoralreferent Wolfram Rösch

Licht in dunkler Nacht

Weihnachten erzählt das Wunder, dass Gott Mensch wurde. Gott erneuert die Zusage: „Es ist gut, ein Mensch zu sein!“ Wir müssen nicht meinen, Götter zu spielen und uns einbilden, über andere Menschen zu herrschen. Das kleine Kind in Betlehem stürzt alle Götzen, die alten und die neuen von ihrem Thron.

Gefragt ist die Mitmenschlichkeit, eine Haltung die uns vor dem Schicksal anderer nicht abstumpfen lässt, sondern uns anspornt in der Nachfolge Jesu der Welt ein menschliches Antlitz zu geben. Gottes Licht ist in die dunkle Nacht getreten, um die Welt zu erleuchten. Nicht nur damals in Betlehem, sondern auch hier und heute.

P. Julius Brammer

Von Menschen und Göttern

„Von Menschen und Götter“ heißt ein Film, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Er erzählt von den Mönchen des Trapistenklosters Notre dame d’Atlas in Tibhirine in den Bergen Algeriens. Es geht auf Weihnachten 1993 zu und die Lage in Algerien ist alles andere, als friedlich. Es herrscht Bürgerkrieg. Die islamische Heilspartei und die Fundamentalisten der Islamischen Armee terrorisieren das Land. Zwei Jahre vorher hatte zwar die Heilspartei die Parlamentswahlen gewonnen, doch ein Militärputsch verhinderte, dass sie an die Macht kamen. Immer näher rückt die Gewalt an das Kloster heran und die alten Wunden des Algerienkrieges platzen wieder auf. Die französischen Mönche sind direkt zum Symbol einer misslungenen Kolonialpolitik geworden.

Gehen oder bleiben? Diese Frage stellt sich den Brüdern. Anfangs wird sie ganz unterschiedlich beantwortet. Letztlich sind es die Bewohner des nahen Dorfes, die dann alle bewegen da zu bleiben. „Was wird aus unserem Dorf, wenn ihr weg seid?“ fragt eine Frau. Ihr seid der Baum und wir die Vögel, die darauf rasten. Er gibt uns Halt und Sicherheit.

Beeindruckend sind viele Szenen, die die kontemplative Sammlung der Mönche widerspiegeln, die gesammelte Ruhe, die französischen Gesänge, die schlichte, aber tiefgehende Liturgie des Stundengebetes und der Eucharistie. Verstörend wirkt fast eine Szene, die die Angst eines Bruders angesichts der drohenden Gefahr thematisiert. Er ist in der Klosterkirche und ruft, schreit in der spannungsgeladenen Atmosphäre nach Gott. Die Wände im Kloster sind sehr dünn und so können seine Mitbrüder alles hören. Er schreit seine Not heraus. Ich habe Angst. Hilf mir. Wo bist Du, Gott? Warum antwortest Du nicht? Ich kann dich nicht hören. Verlass mich nicht. So verbringt er die Nacht in der Klosterkirche.

Die Szene unterstreicht es: Die Mönche leben im Advent. Nicht nur von der Jahreszeit her, da das Weihnachtsfest nahe ist, sondern auch vom inneren Erleben. Sie erleben viel Dunkelheit. Sie versuchen wohl immer wieder Hoffnungslichter anzuzünden, indem sie der Bevölkerung medizinische Hilfe geben, in dem sie für sich die Worte Jesu meditieren und indem sie für die Menschen des Dorfes Halt und Stabilität schenken.

Aber die große Frage bleibt ständig präsent: Trägt der Grund auf dem sie als gläubige Menschen stehen? Ist in Jesus wirklich das Heil gekommen, das die Menschen damals erwarteten? Stimmt das wirklich, dass durch Jesus auch das Licht in der Finsternis leuchtet? Die inneren Fragen fordern heraus. Denn es zeichnet sich ab, dass Weihnachten kein Fest des Friedens werden wird. Und in der Tat, am Weihnachtstag kommen die Rebellen, um die Medikamente, die das Kloster vorhält mitzunehmen. Es gelingt aber dem Vorsteher, dass die Rebellen abrücken, weil die Medikamente für die Menschen des Dorfes verwendet werden. Es stellt sich konkret die Frage an diesem Weihnachtsfest: Was heißt Frieden in einem Umfeld, das durch Gewalt, Mord und grausamen Tod geprägt ist? Wie kann Gott da auf die Erde kommen, wie kann sich da seine Menschenfreundlichkeit ausbreiten? Die Fragen bewegen nicht nur die Trappisten, sondern auch diejenigen, die den Film betrachten.

Der Film zeigt, was Glaube ist. Gewiss kein Zerrbild einer verfehlten Mission, wie sie unter der Kolonialzeit stattgefunden hat. Den Glauben zu bezeugen heißt, gerade in einem nicht-christlichen Umfeld, nicht besserwisserisch sich über den Glauben der Nichtchristen zu erheben. Es heißt auch nicht die Vorzüge der eigenen Religion marktschreierisch hervorzuheben. Glaube ist ganz anders. Glaube ist das vertrauensvolle sich selbst Überantworten in eine radikale Gottesliebe, die untrennbar gebunden bleibt an eine radikale Liebe zu den Menschen.

Gottes und Menschenliebe. Die zwei Pole der christlich-jüdischen Identität, die untrennbar zusammengehören, werden hier aufs Äußerste auf den Prüfstand gestellt. Es geht nicht um fade Lippenbekenntnisse, die einfach schnell daher gesagt werden können. Vielmehr ist es das Ringen um die Glaubwürdigkeit der alten Botschaft. Sie hören die Mönche in jedem Gottesdienst und meditieren sie bei ihren Betrachtungen. Jetzt wird das Evangelium von der Nächsten- und Feindesliebe eine konkrete Herausforderung.

Advent – das Licht tritt in das Dunkle ein. Heute ist diese Botschaft im Evangelium konkret geworden. Maria erfährt von der wunderbaren Geburt. Maria begegnet dem Engel Gabriel. Und wie bei dem Trappisten Mönch befallen sie Zweifel. Es erscheint ihr fast unglaubwürdig, dass Gott etwas mit ihr zu tun haben möchte. Der Engel öffnet ihr die Augen, damit sie die Bedeutung ihrer Schwangerschaft verstehen und begreifen kann. Gott möchte gerade durch Maria Neues schaffen, möchte in der Welt wohnen. Glaube, das heißt hier bei Maria, Gott keine Grenzen setzen zu wollen. Für Gott ist nichts unmöglich.

Gott ist auch da, wo die größte Dunkelheit herrscht, er ist da wo man ihn vielleicht mehr hören kann. Gott, so zeigt es Maria, lässt sich ohne Unterschiede auf die Menschen ein. Advent, damals in Nazareth, damals in Algerien und heute hier bei uns. Die Vision des neuen Lebens und des neuen Anfangs darf aufkeimen und sich mehr und mehr ausbreiten. Das soll keine Vertröstung auf ein wie auch immer geartetes Paradies sein, das die Menschen irgendwann einmal erwarten dürfen. Sondern Advent, das ist die konkrete Gewissheit, dass Gott – das Licht – im Leben eines Menschen zu erfahren ist, trotz Dunkelheit und Glaubenszweifel.

Der Film endet damit, dass die Rebellen die Mönche aus ihrem Kloster entführen. Ein Tondokument, das der französischen Botschaft zugespielt wurde, ist das letzte Lebenszeichen. Was damals genau geschehen ist, bleibt nach wie vor ungewiss. Tatsache ist, dass die Mönche grausam ermordet wurden. Wer es getan hat, die Rebellen, oder der Geheimdienst und das Militär, um Stimmung gegen die Rebellen zu machen, ist nach wie vor ungeklärt.

In der letzten Szene entschwinden Entführer und Mönche im Schneegestöber. Alles nimmt nun die weiße Farbe der liturgischen Kleidung der Trappisten an, in der die Brüder gebetet und gesungen haben. Im Herzen des Winters ist der paradoxe Sieg des Lichts zu erleben. Es werden die Worte konkret, die die Mönche im Gottesdienst gesungen haben: „Wir sehen Dein Antlitz nicht, unendliche Liebe / Aber Du hast Augen, weil Du im Stillen weinst / Und Du schenkst uns diesen Blick des Lichtes, der deine Vergebung enthüllt.“

Wolfram Rösch

Zeichen des Aufbruchs

Der Regen goss in Strömen, der Wind peitschte und es waren sogar kleine Graupelstücke auf dem Boden zu sehen. Mitten im Mai herrschte Aprilwetter. So schnell das Unwetter kam, so schnell klarte es wieder auf und mitten über der Stadt war ein wunderschöner Regenbogen zu sehen. Viele waren davon begeistert, weil er die Menschen anrührt und das Herz aufgehen lässt.

Viele Sagen und Legen ranken sich um den Regenbogen. Eine Überlieferung sagt, dass dort, wo der Bogen die Erde berührt, ein Goldschatz zu finden sei. Sehr bekannt ist auch die Erzählung, die davon handelt, dass sich am Ende eines großen Durcheinanders, ein großer Regenbogen über die Erde spannte. Davor war Alles zerflossen und es gab keinen Halt mehr. Doch dann kehrte wieder Ruhe und Ordnung ein. Die Bedrohung war endgültig gewichen.

Davon erzählt die Bibel. Eine der Hauptpersonen in dem Geschehen ist Noah. Bekannt ist er als Erbauer der Arche. Dass die Überlieferung schon sehr alt ist merkt man an ihren vielen Textschichten. Sie beginnt mit einem recht dunklen und grausamen Gottesbild, das sich am Ende zum Positiven wandelt. Ganz menschlich heißt es dann, dass Gott Reue verspürte und sich geändert hat. Wahrscheinlich haben sich eher die Menschen gewandelt und weitere, barmherzige Aspekte in ihrem Gottesbild entdeckt.

Mich spricht die alte Erzählung an, denn sie schildert die Grundgefahr, in die wir Menschen immer wieder hineingeraten können: wir beuten die Erde aus und laufen Gefahr, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Dann wird wohl alles über uns einbrechen. Wie gewaltige Wassermassen, die nichts mehr aufhalten kann, werden uns die hausgemachten Probleme überfluten. Am Ende steht der große Scherbenhaufen, das Chaos und kein Stein steht bildlich mehr auf dem anderen.

Aber, so sagt der Text, es gibt eine Möglichkeit, nicht unterzugehen, nicht kaputt zu gehen. Es ist ein Schiff, die Arche, die über dem ganzen Durcheinander schwimmt und das neue Leben in sich trägt. Wir brauchen nur wie Noah den Mut, uns der Gefahr zu stellen und Lebensräume gegen die Bedrohung schaffen. Heute muss das nicht unbedingt ein Boot sein, das auf den Wellen schaukelt, auch nicht der biblische Zoo, der an Bord geht. Die Arche ist für mich ein Bild des neuen Aufbruchs. Der entsteht dort, wo Menschen sich für gerechte Löhne einsetzen, wo niemand durch grausame Strukturen zu Tode kommt. Oder, wo Verbraucher bereit sind, höhere Preise zu zahlen, weil die Kleidung eben nicht unter Menschen unwürdigen Verhältnissen hergestellt wurde, oder Tiere artgerecht gehalten wurden. Eine Arche sind auch Menschen, die aktiv „Nein“ sagen, zum Raubbau des Regenwaldes, die sich auf die Seiten der Armen stellen, die ihren Visionen folgen und nicht aufgeben. Das können auch Zeitgenossen sein, die mithelfen, die kriegszerstörten Städte wieder aufzubauen, die den traumatisierten Menschen dort einen Halt schenken.

All diese Aufbrüche zeugen davon, dass letztlich nicht der Tod, sondern das neue Leben steht; am Ende befindet sich nicht die Dunkelheit, sondern die Sonne in mit ihrer Kraft und Wärme. Über allem erscheint das Hoffnungszeichen, der Regenbogen. Das macht mir Mut, denn auch ich kann etwas ausrichten und muss nicht resignieren. Dass das gelingen kann zeigt mir der Regenbogen immer wieder neu, nicht nur am vergangenen Sonntag.

Wolfram Rösch

Ostern – wenn die Welt auf dem Kopf steht

Vor kurzem las ich einen Roman, bei dem der Text eines Absatzes auf dem Kopf stand. Ich musste das Buch drehen, um ihn lesen zu können. Dabei musste ich schmunzeln, denn ich erfuhr nichts Neues zum Inhalt, sondern ich las die rhetorische Frage wie die Reaktion meiner Umgebung aussehe, wenn man das Buch verkehrtherum in der Öffentlichkeit lese. Mir blieben fragende Blicke allerdings erspart, denn ich las zuhause.

Am Sonntag feiern wir Christen Ostern. In unserem Glauben ist das Fest der Höhepunkt, der das Leben Jesu bestätigt. Denn Jesus stellte damals einiges auf den Kopf: Vorstellungen dessen, was Religion zu sein hat, fragliche Gottesbilder, das Verhältnis von Frau und Mann, oder die Vorstellung davon, wer zur Gesellschaft gehört und wer nicht. Dass sein Leben gewaltsam endete war nicht verwunderlich. Er war einfach unbequem, stellte selbstverständliche Arrangements infrage und eckte bei den Etablierten an.

Was nach seinem Tod konkret passiert ist, lässt sich historisch kaum erklären. Fest steht, dass Jesu Werk gescheitert war, sich seine Anhängerinnen und Anhänger in alle Himmelsrichtungen zerstreuten. Aus und vorbei, wie bei vielen anderen Heißspornen auch. Doch dann geschah die Wende. Plötzlich versammelten sich die Frauen und Männer wieder. Sie beteten gemeinsam und feierten das Mahl, das Jesus mit ihnen gefeiert hatte. Auf einmal hieß es: Er lebt. Er ist mir begegnet.

Die Botschaft vom Leben stellt einiges auf den Kopf. Fast unglaublich ist dieses Bekenntnis, denn wie kann es sein, dass ein Toter auf einmal wieder lebt? Unser Verstand sucht nach Erklärungen. Daher mangelt es auch nicht an mehr oder weniger guten Versuchen, Licht in die Sache zu bringen. Ganz gleich aus welcher Richtung sie stammen: befriedigend sind diese Erklärungsversuche für mich nicht. Die Bibel selbst ist eher zurückhaltend, wenn es um die Ereignisse von damals ging. Sie erklärt nicht das „Warum“ und „Wie“, sondern erzählt, dass Jesus auferstanden ist. Und sie spricht davon, wie diese Erfahrungen diejenigen verändert hat, die offen waren für die Begegnungen mit dem Auferstandenen.

Mir geht der Roman nicht aus dem Sinn, denn er gab mir humorvoll den Impuls, Dinge neu zu sehen und Selbstverständliches auf den Kopf zu stellen. Die veränderte Perspektive nötigt, genauer hinzuschauen, man entdeckt neue Details und manche Überzeugung wird auch klarer.

Wolfram Rösch

Moment mal - Zeichen setzen

Vor einem Jahr stand bei mir ebenfalls das Wort zum Sonntag an. Zur gleichen Zeit trafen sich in Rom die Kardinäle, um den neuen Papst zu wählen. Für mich hieß es: auf das Ergebnis der Wahl warten, oder etwas schreiben das immer passt? Kurze Rücksprache mit der Redaktion und die Antwort, dass bis Donnerstag der Text da sein müsse. Am Mittwochabend war die Überraschung groß, als der Argentinier Jorge Bergoglio gewählt wurde. Er gab sich den Namen Franziskus.

Damals wünschte ich Franziskus, dass es ihm gelingen möge, in die Fußspuren des großen Heiligen zu treten, sich für eine arme Kirche einzusetzen und keinen Unterschied zwischen den Menschen zu machen. Inzwischen ist der Papst ein Jahr im Amt. Viele Erwartungen hat er sogar übertroffen, was sich schon an kleinen Äußerlichkeiten zeigt: weiterhin wohnt er im Gästehaus und nicht im päpstlichen Palast, den Aufzug benutzt er nicht allein, was vorher unmöglich war. Die „Dienstlimousine“ ist ein alter Renault 4 und an den Füßen trägt er seine ausgelatschten schwarzen Schuhe.

Franziskus stellt wie sein Namensgeber in der Kirche vieles auf den Kopf. Er ist mitten unter den Menschen, besucht Flüchtlinge auf Lampedusa und feiert dort einen Gottesdienst für die Ertrunkenen. Er umarmt die Schwächsten der Gesellschaft. Und in seinem Schreiben „Die Freude des Evangeliums“ kritisiert Franziskus massiv den Menschen verachtenden Kapitalismus. Aber er bleibt nicht nur bei schönen Worten stehen. Er ordnet die vatikanischen Finanzen, brüskiert manche Würdenträger, weil er sich nicht an das Protokoll hält und wäscht am Gründonnerstag die Füße von Strafgefangenen. Für manch Konservative war das ein Affront, denn erstens waren Frauen dabei und zweitens war die päpstliche Fußwaschung früher nur Kardinälen vorbehalten.

Franziskus setzt Zeichen und zeigt damit deutlich, dass man nicht immer ihn fragen muss, was zu tun sei und abwarten, bis eine neue Verlautbarung erschienen ist. „Packt einfach mit an“, so verstehe ich ihn. Und direkt meinte er, dass wir zu den Menschen gehen müssen, um dort die frohe Botschaft vom Leben zu verkünden. Das heißt: Nicht ständig nach oben schauen, was von dort kommt, sondern nach unten, wo die Not ist, wo die Menschen uns brauchen. Franziskus weiß, dass die Kirche an Bedeutung verloren hat. Manche bisherigen Selbstverständlichkeiten stehen neu zur Debatte und der Vertrauensverlust durch die Missbräuche und die Limburger Affäre wiegen schwer, besonders in Deutschland. Er hat gewiss kein leichtes Amt übernommen und ich beneide ihn nicht, sondern bewundere ihn, wie er immer wieder neu für Überraschungen sorgt.

Jede Generation braucht Querdenker, Menschen, die neue Impulse geben und neue Wege beschreiten. Franziskus gehört für mich dazu. Er hat das Papstamt entrümpelt und zu einem Dienst für die Menschen umgestaltet. Wer verändern will, muss unten an der Wurzel anfangen. Radikal sein, ist ein Fremdwort dafür. In diesem Sinn ist Franziskus ein Radikaler. Alleine wird er nicht alles schaffen. Wie sein Vorbild aus Assisi braucht er Menschen, die auf seiner Seite stehen, egal ob gläubig oder nicht, katholisch, evangelisch, oder einer anderen Religion zugehörig. Gemeinsam kann vieles gelingen. Warum nicht?

Wolfram Rösch

Auf Schatzsuche

Im letzten Jahr hatte uns das Geocaching-Fieber gepackt. Wir haben uns angemeldet und schon konnte die moderne Form der Schnitzeljagd losgehen. Die Karte im Internet zeigte, dass es in der Umgebung viele Verstecke, Caches genannt, gibt. Sie sind auf der elektronischen Landkarte als kleine Punkte verzeichnet, manchmal noch mit einem Hinweis ergänzt. Ein Handy, das die aktuelle Position angeben kann, hilft bei der Suche. Lange hatte es nicht gedauert, bis wir einen Schatz unter einer Brücke gefunden hatten. Wir trugen uns ins Logbuch und legten den Cache wieder zurück. Bereit für die nächsten Schatzsucher.

Was heute ein Punkt in der elektronischen Landkarte ist, war bei Jesus ein Stern. Damals, so erzählt es das Matthäus-Evangelium, waren Menschen unterwegs, um ihren Schatz zu finden. Bekannt sind sie uns als die Heiligen Drei Könige. Ganz anders dagegen die einheimischen Frommen: sie waren taub für die alten Überlieferungen. Zwar kannten sie die Schrift haargenau, aber es gelang ihnen nicht, die alten Worte zu verstehen. Sowohl die Hoffnung, von der da die Rede ist, als auch die Begeisterung der Sterndeuter für den neuen König, ließ sie kalt. Die Fremden erreichten ihr Ziel in Betlehem und erfuhren, dass alle eingeladen sind, das Heil zu erfahren. Grenzen, Mauern, Religionen zählen nicht mehr. Denn jeder gehört zur neuen Familie der Gotteskinder.

Der Weg dahin war für sie nicht immer einfach. Wie im Geo-Caching. Den ersten Cache hätten wir fast übersehen. „Da ist nur ein Elektro-Teil!“, meinte mein Sohn. Aber umso erstaunter waren wir, dass die Plastikdose eben der Schatz war. Ein Magnet hielt sie am Eisenträger fest. Oft entpuppt sich auch ein loser Stein, oder ein Astloch als der Ort, wo der Schatz verborgen ist. Im Glauben ist das nicht anders. Auf einmal werden ganz banale Dinge Zeichen der Nähe Gottes. Den Sterndeutern ging es so. Ein Sternbild wurde auf einmal durchsichtig auf eine andere Wirklichkeit. Gott teilt sich uns vielfältig mit, seien Worte in der Schrift, oder Zeichen am Himmel.

Eines dürfen wir allerdings nicht machen: sitzenbleiben und festklammern an noch so guten Wahrheiten, die uns aber unbeweglich machen. Es ist ein Wagnis, wenn man sich auf den Weg macht. Das kleine Licht über Betlehem ist damals zum Symbol geworden, das zum Heil führt. Solche Zeichen gibt es immer wieder, mitten im Alltag, mitten im Leben. Aber man muss offen sein und die Wirklichkeit so deuten, dass einem selbst und anderen hin und wieder ein Licht aufgeht.

Wolfram Rösch

Ochs und Esel - warum finden wir sie an der Krippe?

Das Evangelium nach Lukas gibt keinen Hinweis dazu. Aber seit den ältesten christlichen Weihnachtsdarstellungen sind diese beiden Haustiere dabei:  Das göttliche Kind liegt in der Krippe mitten zwischen Ochs und Esel. Nun – Landwirtschaft und Ernährung funktionierten zu biblischen Zeiten nicht ohne Ochs und Esel. Diese Nutztiere, stellvertretend für die vielen anderen Tiere, an der Seite des Christkindes bedeuten daher:  Der Erlöser ist herab-  und angekommen bei Mensch und Tier. Wird er von uns auch an- und aufgenommen?

So wie Tiere fast selbstverständlich ihren Herrn erkennen, so will das Jesuskind als Herr der Welt erkannt werden.  Das lesen wir schon im Jesajabuch (Jes 1,3): Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.

Pfarrer Karl Enderle

"Reset" Gottes - Gedanken zum vierten Advent

Matthäus 1,18-24

Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes.

Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen.

Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat:

Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, / einen Sohn wird sie gebären, / und man wird ihm den Namen Immanuel geben, / das heißt übersetzt: Gott ist mit uns.

Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

 

Was kann uns das Glaubensbild der Jungfrauengeburt heute sagen? Natürlich bleibt es unbenommen zu sagen, das war wirklich so. Wir können Gott mehr zutrauen, als wir denken. Wer mit diesem Gedankengang aber Schwierigkeiten hat, kann sich die Worte von Papst Benedikt zu Eigen machen. Er hat das Glaubensbekenntnis treffend formuliert: „Die Empfängnis Jesu ist Neuschöpfung, nicht Zeugung durch Gott. Gott wird dadurch nicht etwa zum biologischen Vater Jesu. (Jesus ist nicht halb Gott, halb Mensch), sondern für den Glauben war es immer grundlegend, dass Jesus ganz Gott und ganz Mensch ist. Die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre. Die Empfängnis Jesu bedeutet nicht, dass ein neuer Gott-Sohn entsteht, sondern, dass Gott als Sohn in dem Menschen Jesus das Geschöpf Mensch an sich zieht, so dass er selber Mensch ist.“

Gott setzt einen neuen Anfang. Er macht einen „Reset“ mit der Geschichte der Menschheit, um darauf das Neue, das „Ganz-andere“ zu ermöglichen. Immer wieder neu bietet Gott seine Gemeinschaft an, immer wieder erneuert er seine Botschaft von der Gerechtigkeit und der Befreiung von allen Lasten, die niederdrücken. In Jesus hat eine neue Heilsgeschichte begonnen, die ihre Grundlage in den Botschaften der Schriften und den Verkündigungen der Propheten hat.

Gott hat die Zusage gegeben, immer und ewig bei uns und mit uns sein zu wollen. Was in der Beschreibung des Ursprungs Jesu begonnen hat, wird am Ende des Evangeliums seine Bestätigung erhalten. Hier spricht der Auferstandene uns zu: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Darauf können wir bauen und angeregt durch die Frohe Botschaft Jesu unser Leben immer wieder erneuern.

Camillo Walzel

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Moment mal - der gute Hirt

Johannes 10,11 In jener Zeit sprach Jesus: Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.

Der „gute Hirt“ stellt manche Kirchen- und Gemeindebilder infrage. Es provoziert, denn es erkundigt sich: „gibt es bei euch Hirten und Schafe“ also diejenigen, die den anderen sagen, wo es lang geht, oder ist der Auferstandene euer Hirte? Wieweit könnt ihr euch auf die Frohe Botschaft einlassen und darauf vertrauen, dass Gott die Gemeinde auch in dunkler Zeit zu „den grünen Auen und den Wassern des Lebens“ führt? Können sich die heutigen Gemeinden auf die Worte des Auferstandenen bauen, dass er unter ihnen ist?

Und noch einen weiteren Punkt greift das Evangelium heraus. Jesus spricht deutlich davon, dass er die anderen Schafe kennt. Johannes deutet damit an, dass zum Volk Gottes noch andere Menschen gehören, als die, die schon immer da waren. Heute öffnen uns die Worte den Blick auf die ganze Gemeinde und ermutigt uns, uns auf die Suche nach den anderen Glaubensschwestern und –brüdern zu machen, die es auch gibt, aber deren Existenz nur kaum oder gar nicht wahrgenommen wird.

Das Bild vom guten Hirten stellt bekannte Denkmuster auf den Kopf. Es fordert heraus, weil es eine scheinbare Belanglosigkeit aufgreift und neu deutet. Dass dies auch ein gefährliches Bild sein kann, zeigt uns direkt das Johannes Evangelium, denn im Anschluss an den heutigen Text spricht es davon, dass es unter den Zuhörern zu Spannungen und Spaltungen über diese Worte kam.

Das Bild vom guten Hirten verneint alle Absolutsetzungen und Überordnungen. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, die angeführt vom Auferstandenen, dem einzigen Hirten, zum Leben geleitet werden. Und da lohnt es sich auch, Schaf zu sein.

Wolfram Rösch

Moment mal - Wunder gibt es immer wieder

Nicht nur vor 2000 Jahren

zählt dein Wort

sondern heute

mehr denn je.

 

nicht vor langer Zeit

geschahen die Wunder

von denen sich alle erzählten

sondern heute

geschehen sie Tag für Tag

wenn man genauer hinsieht

 

das Mädchen,

das mir die Tür aufhält;

das Auto,

das mir den Vortritt lässt;

die Frau, die mir

ihren Regenschirm leiht;

der Busfahrer,

der ein paar Sekunden

länger stehen bleibt

 

Überall geschehen sie,

damals wie heute.

der Alltag wird durchbrochen,

himmel wird erkennbar,

wenn wir einander zu Alltagswunder werden.

 

Wer die Alltagswunder entdeckt,

der spürt auch noch nach Ostern etwas von der österlichen Freude.

Ulrich Müller-Elsasser

Moment mal - Verschlossene Türen

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! (nach Johannes 20)

Verrammelte Türen. Die ersten Jüngerinnen und Jünger geben nicht ein Musterbeispiel der Osterfreude. Ostern müsste sie eigentlich öffnen und sie nach draußen führen. Dort wäre der richtige Ort, um vom Leben zu sprechen und nicht abgeschottet von der Außenwelt hinter verschlossenen Türen.

Der Evangelist Johannes zeichnet ein großartigen Kontrast. Während draußen am Grab der Stein weggerollt ist und den Ort des Todes aufgeschlossen hatte, geschieht in Jerusalem genau das Gegenteil. Neue Steine werden angeschleppt, um die Türen noch sicherer zu machen. Eine Wagenburg-Mentalität hat sich offensichtlich in der jungen Gemeinde breit gemacht.

Und heute? Nicht wenige Türen in der Kirche wurden verschlossen, manche sogar direkt vor den Leuten zugeschlagen. „Wir wollen nichts mit denen zu tun haben!“, so lautet anscheinend die einhellige Meinung.

Im Evangelium wiederholt sich das Wunder von Ostern. Jesus tritt durch die Verschlossenheit und öffnet die Menschen neu für das Leben. Johannes zeichnet ein neues Bild von Kirche: Offen für alle, offen für die Sorgen und Anliegen der Menschen und offen für ihre Fragen. Neues darf entstehen, nicht nur damals in Jerusalem, sondern auch in unserer gegenwärtigen Kirche. Und dabei stellen selbst verschlossene Türen kein Hindernis mehr dar.

Wolfram Rösch

Moment mal - Ostern

Österliche Heilerde

Hört die Mahnung der Schrift:

Jetzt ist die Zeit der Gnade da.

Paulus sagt uns das Wort:

Jetzt ist die Stunde unsres Heils;

empfangt nicht vergeblich die göttliche Gabe.

 

Maßvoll lebe der Leib,

wachsam und lauter sei der Geist,

dass der Weg dieser Zeit

Durchgang zur Auferstehung sei.

Die Erde zu heilen, schuf Gott diese Tage.

 

Zeichen schauen wir nun,

Irdisches wird zum Bilde hier;

denn das kreisende Jahr

lässt nach des Winters Frost und Nacht

den Frühling die Erde für Ostern bereiten.

 

Lasst uns loben den Herrn,

lieben die Werke, die er schuf,

froh erwarten den Tag,

der die Verheißung uns erfüllt!

Dem Vater, dem Sohne, dem Geist sei die Ehre!

Amen.

Dieser Hymnus aus dem Stundengebet der Katholischen Kirche gehört zu meinen Lieblingsgebeten. Er bringt zum Ausdruck, dass sich die österliche Wirklichkeit der Auferstehung Christi in den Elementen auswirkt: „Die Erde zu heilen, schuf Gott diese Tage.“

Unsere Erde ist tatsächlich aufgerissen und verwundet. Grobschlächtig wird Mutterboden abgetragen oder zugepflastert. Ein gesunder, gewachsener Boden ist mancherorts selten geworden. Wer ist nicht als Kind voller Wonne auf dem Boden gelegen, um sich zu strecken, zu wälzen und in die Wolken zu schauen?!

Das Erdreich ist das Werk Gottes, das er schuf. Alle seine Werke sind nun hineingenommen in das Werk der Auferstehung, neu zu werden durch die Österlichkeit der Erlösung. Das kreisende Jahr lässt nach des Winters Frost und Nacht den Frühling die Erde für Osten bereiten. Das ist doch ein wunderbarer Gedanke: Die Erde, auf und aus der alles wächst, wird für Ostern aufbereitet. Wir erwarten froh diese Ostertage, denn unsere Gewissheit im Glauben an den Auferstandenen besagt, dass er in den Schoß der Erde hinabgestiegen ist, um in ihr das Neue zu begründen.

Ich habe eine Zeichnung dazu angefertigt, auf der die Erde gleichsam einen Mund hat, der die Auferstehung besingt.

So wird der Frühling zum Zeugnis der Auferstehung Christi, wenn wir darin die Liebe und Allmacht Gottes erkennen. „Auch die gesamte Schöpfung soll von der Sklaverei (und ihren Verwundungen) und ihrer Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Römer 8,21).

Alles, was es gibt, ist dazu berufen, zum Leben aufzuerstehen und Christus anzuhangen, dem Träger des neuen Lebens vor Gott. Der Glanz der Auferstehung Christi soll strahlen aus der Höhe über Mensch, Mitgeschöpf und die ganze Schöpfung.

Ich wünsche Ihnen zum diesjährigen Osterfest die österliche Perspektive im Heiligen Geist und die Freude an allem was lebt - zur Ehre unseres Schöpfers und Erlösers! - sowie schöne und erholsame Tage im Kreis Ihrer Angehörigen!

Pfarrer Karl Enderle

Moment mal - Karfreitag

Das neue Leben erahnen

Im Zentrum des christlichen Glaubens steht ein grausames Zeichen. Geschunden und gemartert hängt Jesus am Kreuz. Derjenige, der den Frieden und die Versöhnung bringen sollte. Schlimmer kann ein Leben nicht scheitern.

Zu Beginn seines Wirkens unter den Menschen sah es ganz positiv aus. Menschen strömten in Scharen zu ihm und setzten viel auf seine Worte und Taten. Nicht wenige hofften, dass er das Land zu einer neuen Blüte führen und Schluss mit der römischen Besatzung machen würde. Aber Jesus eckte an. Seine Predigt vom ganz anderen Gott rüttelte an vielen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Arrangements. Dennoch ist es nicht leicht, ihn genau einzuordnen, denn manchen war er zu lasch gegenüber der Obrigkeit, anderen war er ein Volksverhetzer. Den einen war er nicht religiös genug, da er sich mit Sündern abgab, andere sahen in ihm den Gesandten Gottes.

Der Konflikt um seine Person spitzte sich mehr und mehr zu. Die Verurteilung als politischer Revolutionär war mehr oder weniger eine Verlegenheitslösung. Die Anklage gegen Jesus beruhte auf windigen Anschuldigungen, denn auf Faktenlage. Die allgemeine Lage am Pascha-Fest in Jerusalem war aufgeheizter denn je. Die Obrigkeit musste Zeichen setzen und ein Exempel statuieren, wer die Macht hat.

Zum Schluss verließen ihn alle. Die ursprüngliche Erfolgsbewegung zerstreute sich. Jesus letze Worte am Kreuz drückten seine ganze Ohnmacht aus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nicht nur die Freunde waren weg, auch Gott schien sich von ihm abgewandt zu haben. Aus dem unverbrüchlichen Gottvertrauen, das ihn bisher getragen hatte wurde die Frage nach Gott. Wo ist er nun, auf den er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte?

Der Karfreitag fordert viel. Er ist kein bequemer und gefälliger Feiertag. Im Zentrum steht der brutale Tod eines Menschen. Der christliche Glaube deutet das Ereignis neu zum Zeichen der Anklage gegen den Tod in jeder Form. Gleichzeitig nennt der Tag die große Ohnmacht beim Namen, die entsteht, wenn Menschen unschuldig sterben müssen: der grausame Unfalltod einer Jugendlichen, das ermordete Mädchen, die hingemetzelte Zivilbevölkerung in Homs, die Kriegsopfer, die Hungertoten in der Welt.

Der Karfreitag bietet keine glatten Lösungen an. Er möchte helfen, die Ohnmacht auszuhalten. Das kann bedeuten, sich ihr zu stellen und mit anderen zu ertragen. Manchmal hilft es dabei, da zu bleiben und solidarisch mit den Menschen zu sein. Jesu Kreuz mahnt, dem Leid nicht ausweichen, sondern sich ihm stellen. Es fordert auf, Strukturen der Gewalt aufzudecken und zu bekämpfen. Dann – so glauben wir Christen – ist im gekreuzigten Jesus nicht nur die abgrundtiefe Grausamkeit zu sehen, sondern auch, dass sich im Tod das neue Leben erahnen lässt.

Wolfram Rösch

Moment mal - Palmsonntag

Auf dem Weg zum Superstar

Triumphaler könnte der Einzug in die Stadt nicht sein: begeisterte Menschen legen ihm ihre Kleider auf den Weg, sie huldigen ihm und sehen in ihm den neuen König. Das Heil scheint in Jerusalem anzukommen. Eine neue Ära wird anbrechen. Sie können es sich denken, dass es um den Palmsonntag und dem grandiosen Empfang Jesu in der heiligen Stadt geht.

Die Evangelisten haben diesen letzten Weg Jesu genial gezeichnet. Nicht nur, dass es geographisch betrachtet nach oben geht, wenn man auf der Straße nach Jerusalem möchte, sondern es sieht so aus, dass auch Jesu Erfolgsgeschichte hier zu einem unüberbietbaren Höhepunkt gerät. In Jerusalem, dem religiösen Mittelpunkt fasst er noch einmal seine Lehre in griffigen Bildern zusammen und zeigt aus welcher Vollmacht heraus er spricht. Vieles spricht dafür, dass Jesu Botschaft zu einem guten und erfolgreichen Ziel gelangt.

Doch es wird ganz anders kommen. Der Wind der Zustimmung wird sich bald drehen. Die Hosanna Rufe werden verstummen und purer Hass wird dem galiläischen Wanderprediger entgegenschlagen. Nicht mehr „gepriesen, der da kommt“ wird es heißen, sondern „kreuzige ihn!“. Jesus, so macht es den Eindruck, hat die Erwartungen, die an ihn gerichtet wurden nicht erfüllt. Er entsprach wohl nicht dem Bild, welches sich das Volk von ihm gemacht hatte. Hatten sie anderes mit Jesus vor, wollten sie ihn für ihre Zwecke gebrauchen? Es bleibt offen, welche Gründe letztlich zum Scheitern führten und Jesus innerhalb kurzer Zeit vom Superstar zum Verbrecher werden ließen. Doch diese Offenheit der Begründungen regt uns an, uns selbst in diesem großen Gemälde der Evangelisten vom Einzug in Jerusalem und der bald darauf folgenden Kreuzigung wieder zu finden.

Wo stehe ich selbst? Bin ich bei denen, die laut jubeln und lege mein Obergewand auf den Weg? Oder betrachte ich die ganze Szenerie distanziert, vielleicht überheblich lächelnd? Bin ich nachher im Chor derjenigen, die „ans Kreuz mit ihm“ schreien? Oder lasse ich mich bis zum Schluss von seiner Botschaft der Gerechtigkeit und Liebe anregen?

Es wird viele Wege geben, die wir bildlich in diesen letzten Stunden mit oder gegen Jesus gehen können. Es bleibt unsere Entscheidung. Doch einer der Wege wird weitergehen, nämlich der, der vom triumphalen Empfang direkt zum Kreuz geht. Ist der Weg vielleicht etwas für uns, trauen wir uns zu, auf ihm zu gehen? Jesus jedenfalls lädt uns ein, mit ihm zu gehen. Ihm dürfen wir trauen, dass das Kreuz kein Schlusspunkt ist, sondern die Markierung eines neuen Anfangs in der Zuneigung Gottes.

So bleibt am Schluss des Palmsonntags kein neugekürter Superstar, der bald wieder vergessen sein wird. Heute finden wir eine Wegmarkierung, die wohl zum Tod führt, aber dort nicht stehen bleibt. Der Weg hinein nach Jerusalem wird weitergehen nämlich dorthin, wo der Tod keine Macht mehr hat.

Wolfram Rösch

Moment mal

Ungeheure Kraft

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt bringt es reiche Frucht.“ (Johannes 12,24)

Im Grunde eine ganz alte Erfahrung. Man sät und es entsteht neue Frucht. Vom ausgesäten Korn bleibt allenfalls ein wenig vom Spelzen übrig. Neues kann nur entstehen, wenn Altes vergeht und umgewandelt wird.

Jesu bezieht die Worte im Johannes Evangelium auf sich selbst. Er ist das Weizenkorn, er ist das Wort Gottes, das in die Erde fällt und zu Grunde geht. Aber im Korn steckt eine ungeheure Kraft. Es entwickelt sich zuerst ein Halm, es entstehen Blätter und im Sommer sind dann viele Körner in den Ähren. Aus dem einen Korn sind viele Körner geworden.

Die Botschaft von Jesus ist kein Heldenepos. Im Gegenteil es ist die Geschichte eines Mannes, der ganz unten landet. Es ist das Paradoxon des Glaubens, dass im Tod Leben entsteht, dass man das Leben nur gewinnt, wenn man loslässt.

Keine leichte Kost, die uns da Jesus zumutet. Wer hängt nicht am Leben? Wer möchte nicht erfolgreich sein? Gewinne erzielen und ganz oben stehen?

Manchmal lohnt es sich, einen anderen Blickwinkel einzunehmen und die Dinge aus einer anderen Sicht zu betrachten. Dann leuchtet auch im Geringen, im ganz kleinen Korn, im Menschen, der ganz unten ist das Licht Gottes auf. Dann entwickelt sich schon hier eine ungeheure Dynamik und das neue Leben nimmt seinen Anfang.

Wolfram Rösch

Moment mal

Nikodemus

 

mitten in der Nacht

bleiben Fragen

treiben mich um

 

wo will ich hin

und was trägt mich

wohin zieht mich meine Sehnsucht

und wovon träume ich

wem vertraue ich

und was glaube ich

 

ein Gegenüber finden

ein DU

es entsteht

Gespräch

Beziehung

 

sich öffnen

nach Sinn tasten

mutig und ängstlich

hoffend und bebend

sich selbst neu entdecken

im Andern

 

göttlicher Funken

macht die Nacht hell

geist-reich

Kerstin Schelkle

Moment mal

Zapfenstreich in Bellevue

Mit dem großen Zapfenstreich wurde endgültig ein Schlussstrich unter die Amtszeit des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulffs gesetzt. Ruhe ist damit noch lange nicht eingekehrt. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft dauern an.

Als Kriegsdienstverweiger habe ich Schwierigkeiten mit dem militärischen Zeremoniell. Der Befehl „Helm ab zum Gebet!“ erscheint für mich deplatziert. Kann man ein Gebet befehlen, zumal wahrscheinlich auch einige religionslose Soldaten das Wachbataillon stellten? Sei`s drum. Ich würde es mit dem ehemaligen Präsidenten Gustav Heinemann halten, der stattdessen zu einer Bootstour eingeladen hatte.

Überraschend war die Musikauswahl Wulffs. Statt der traditionell üblichen drei Stücke, wünschte er sich vier. Eines davon war ein neues geistliches Lied, das besonders unter seinem Refrain „da berühren sich Himmel und Erde“ sehr bekannt ist. Kannte ich es bisher mit Orgel-, Gitarren- oder Bandbegleitung, so rief bei mir das Arrangement für Militär-Blaskapelle schon ein Schmunzeln hervor.

Das Lied hat mich aber auch in gewisser Weise mit Wulff versöhnt. Ein Neuanfang, nicht nur beim Amt des Bundespräsidenten ist notwendig. Und nicht nur beim höchsten Amt im Staat, sondern auch bei anderen selbst gefälligen Gepflogenheiten in der Politik, die sich mehr und mehr ausgebreitet haben. Das Lied regt zum Nachdenken an. Es erzählt vom Neuanfang, von neuen Wegen und von der Überwindung des Hasses.

Hoffen wir, dass das gelingt. Dann kann wirklich Neues entstehen und sich Himmel und Erde berühren.

Wolfram Rösch

Moment mal

"Wer fastet und weiter sündigt, für den ist das Fasten ohne Wert."

Diesen Spruch, den ich irgendwo gelesen hatte, hängte ich vor vielen Jahren als junger Praktikant in den Schaukasten der Gemeinde.

Nach ein paar Tagen bat mich der Pfarrer, das wieder abzuhängen. Es wäre doch etwas zu heftig.

Ist es das wirklich?

Gut, der Spruch klingt schon sehr hart. Und doch bin ich der Meinung, dass er in seiner Klarheit unübertrefflich ist - gerade in einer Zeit, in der das Fasten vielfach nur Mittel zum Selbstzweck ist: Abnehmen, Entschlacken, Gesund-Sein. Der eigentliche Sinn des Fastens ist ja die Vorbereitung auf Ostern. Es geht darum, bewusster zu leben. Das heißt, meine Mitmenschen deutlicher wahrnehmen und meine Gottesbeziehung intensivieren. Indem ich auf etwas verzichte, mache ich mich frei für Gott und die Menschen.

Wenn ich nun aber in der Fastenzeit genauso dahinlebe wie in den anderen Zeiten – abgesehen von der Absicht, abzunehmen - dann ist das Fasten im eigentlichen Sinn tatsächlich wertlos. Wir Menschen sind nun mal nicht fehlerfrei. Ichbezogenes Verhalten ist typisch Menschlich. Das ist die eigentliche Ursünde gegenüber unseren Mitmenschen und Gott. Erst daraus entsteht großes, aber auch kleinstes, alltägliches Unheil. Daran zu arbeiten, um sich auf Ostern vorzubereiten, das macht doch Sinn, oder?!

Insofern bleibe ich dabei: "Wer fastet und weiter sündigt, für den ist das Fasten ohne Wert."

Oder anders ausgedrückt: "Wer fastet und dafür Gott und Mitmensch wieder in den Blick nimmt, für den hat das Fasten großen Wert – und nebenbei für die anderen auch."

Ulrich Müller-Elsasser

Moment mal

In die Wüste gehen

Evangelium nach Markus, Kapitel 1:

12 Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. 13 Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.

Mit den Bildern der Wüste, den wilden Tieren und den Engeln werden wir heute in die Fastenzeit geführt. Diese Bilder sind gedacht als Einladung an uns oder vielleicht auch als Zumutung, selbst in die Wüste zu gehen, mit den eigenen wilden Tieren zu leben und dabei zu erfahren, dass Gottes Engel auch bei mir sind.

Die Fastenzeit kann zur Chance werden, Wüstenzeiten zuzulassen: Zeiten, ganz bei sich selbst zu sein und sich auszuhalten. Wir sollten es wagen, uns selbst unverstellt in den Blick zu nehmen, mit den Seiten an uns, die wir mögen und schätzen, aber auch mit denen, die wir lieber verstecken.

Die wilden Tiere sind eine Umschreibung für das, was wir nicht kennen, was wir verdrängen oder vor was wir weglaufen. Das kann unberechenbar werden, kann eine ganz eigene Dynamik entwickeln und Macht über unser Leben gewinnen. Gottes Geist mutet uns die Erfahrung der Wüste zu, weil wir Gottes geliebte Kinder sind. Gott sieht uns an und hat Gefallen an uns.

Kann ich das glauben? In der Fastenzeit kann ich ausprobieren, ob das ein tragfähiger Grund für mich ist. Ich kann versuchen, mich mit mir selbst zu versöhnen und mit mir in Frieden zu leben, weil Gott mich liebevoll ansieht. Und ich kann lernen, darauf zu vertrauen, dass sein Heil auch in mein Leben hineinwirkt und seine Spuren hinterlässt. Ich darf darauf vertrauen, dass ich Gottes Engel auch in meinem Leben entdecken kann.

Wolfram Rösch

Moment mal

Fastenzeit – 40 Tage einfach leben

Mit dem heutigen Aschermittwoch beginnen die 40 Tage der Fastenzeit. Solche besonderen Zeiten gibt es in vielen Religionen – Zeiten, die sich vom übrigen Jahr unterscheiden und in denen es darum geht, bewusster zu leben. Fastenzeiten dienen auch der Vorbereitung auf bestimmte Feste oder Anlässe, in diesem Fall der Vorbereitung auf Ostern, der Feier der Auferstehung Jesu als zentrales Glaubensereignis des Christentums.

Immer mehr Menschen entdecken für sich den Wert des Fastens neu als eine persönliche Chance, als einen persönlichen Gewinn. Die Ratgeber-Literatur ist voll von diesem Thema: Im Bereich der Ernährung wird auf so manches verzichtet, unterschiedliche Kuren oder Fastenwochen werden angeführt – um sich anschließend schlanker, jünger, ja wie neugeboren zu fühlen. Andere Bereiche des Lebens werden entrümpelt und vereinfacht, was bei Wohnen und Arbeit anfängt und bei zwischenmenschlichen Beziehungen aufhört.

Auch in christlicher Hinsicht geht es in der Zeit von Aschermittwoch bis Ostern darum, Bequemlichkeiten hinter sich zu lassen, gewohnte Rituale kritisch anzuschauen und neue Formen der Lebensgestaltung auszuprobieren. Aber das Fasten, der Verzicht ist kein Selbstzweck, bei dem es ausschließlich um das eigene Leben geht. Ziel dieser vierzig Tage ist es, sich in das Leben, das lebendige Miteinander einzuüben. Und das heißt, den Umgang mit sich selbst, mit den Mitmenschen und auch mit Gott zu überdenken und sich wieder neu auf diese Beziehungen einzulassen.

Dadurch wird die Fastenzeit zu einem „Mehr“ statt einem „Weniger“, denn durch das Fasten und die daraus folgende Vereinfachung des Lebens wird Platz geschaffen für Neues. Das Leben kann einfacher werden durch den zeitweiligen Verzicht auf Radio und Fernsehen, auf Konsum und Genussmittel, auf das „Immergleiche“. Und dadurch werden Raum und Zeit frei für Innehalten und Stille, Nachdenken und Neuordnen, neue Erfahrungen und Begegnungen, ja für das Leben selbst.

Trauen Sie sich, die kommenden 40 Tage einfach zu leben.

Kerstin Schelkle

Moment mal

Loblied auf den Schöpfer

Die Psalmen sind das Gesangbuch, sozusagen das Gotteslob des Alten Testamentes. Sie sind Gedichte und Liedgut in einem. Wenn man einmal einen Rabbiner einen Psalm auf hebräisch hat singen hören, begreift man die Inbrunst dieser Gebetsform. Sie verbinden die Seele mit Gott.

Es sind ökumenische Gebete, weil sie Zeiten und Menschen verbinden. Sie reflektieren Grundsituationen des Menschen vor Gott und eröffnen damit praktisch das gesamte Panorama des Glaubens.

Wir können uns einschwingen mit unseren eigenen Gebetsanliegen und Gotteserfahrungen und spüren eine ganz große und tiefe Verbundenheit mit anderen Menschen. Die Psalmen sind das Paradebeispiel des gemeinsamen Gebetes und gehören zum festen Bestandteil des Stundengebetes der Kirche. Vor allem in den Benediktinerklöstern wird das Psalmengut und das Psalmensingen gepflegt – bis zu siebenmal am Tag.

Was den Psalm 104 betrifft, so gilt dieser als der Schöpfungspsalm. Im Hintergrund steht die Vorstellung des altorientalischen Weltbildes und der Gedanke, dass aus der einen Hand Gottes alles Leben kommt.

Sein Geist hält alle Lebewesen am Leben und bewahrt ihre Lebendigkeit. „Sendest du deinen Geist aus, werden sie alle erschaffen und du erneuerst das Antlitz der Erde“ (Ps 104,30). Deswegen gehört er zum Pfingstfest und steht im Gotteslob bei der „Vesper vom Heiligen Geist“ (GL 252).

Wenn wir uns in der Natur draußen aufhalten, etwa spazieren gehen oder Sport treiben oder in und mit der Natur arbeiten, dann ist dieser Psalm die vorformulierte Erinnerung an das Gutsein der Schöpfung, die ihren Ursprung hat in Gott, dem einen guten Vater im Himmel.

Pfarrer Karl Enderle

Moment mal

„Er stürzt die Mächtigen vom Thron…“

Die Nachrichten aus Syrien sind kaum noch zu ertragen. Menschen, die für ihre Rechte demonstrierten wurden brutal niedergeschlagen. In der Stadt Homs kam es zu einem Blutbad mit über 400 Toten und 1000 Verletzten. Panzer sind aufmarschiert und die Stadt steht unter dem Feuer von Granaten.

Die Menschen in Syrien wollen nur ihre Rechte, sie wollen frei sein und nicht unter der Knechtschaft einer machtversessenen Familie stehen. Die Machthaber antworten darauf mit ungeheurer Gewalt. Sie haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt und rechtzeitig auf ihre Macht verzichtet hatten.

„Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen!“ So singt Maria in ihrem Lobpreis auf Gott. Naiv, weltfremd oder gar schön wär´s kommt einem da in den Sinn. Die Bilder der Nachrichten sprechen eine andere Sprache.

Aber auch damals bei Maria hatte kein Friede geherrscht, im Gegenteil. Gewalt und Unterdrückung seitens der Römer waren an der Tagesordnung. Dennoch stimmt Maria ihr Lied an. Sie glaubt, dass Gott für Gerechtigkeit sorgen wird und die Unterdrückten groß macht. Die Gewalt wird ein Ende haben und ganz besonders, wenn die Welt, wenn wir nicht tatenlos dabei zusehen.

Wolfram Rösch

Moment mal

„Ich kann noch anders!“


Wie lautet der Unterschied zwischen Martin Luther und Papst Johannes XXIII? Martin Luther soll auf dem Reichstag in Worms gesagt haben: „Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir!“ Und Johannes? „Hier stehe ich und kann noch anders. Gott helfe euch!“

Viele Menschen sehnen sich heute nach Veränderungen in der Kirche und nicht wenige wünschen sich einen Papst wie Johannes XXIII. Vor 50 Jahren hatte er das Zweite Vatikanische Konzil einberufen. Johannes gab der Kirche die Initialzündung, dass sie sich mit den Zeichen der Zeit beschäftigt. Das Konzil sollte Antworten auf die Fragen finden: Wie kommt die Kirche zu den Menschen? Wie kann sie die Hoffnungen, die Ängste und die Sorgen der Welt, nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern auch zum Anliegen der Kirche machen? Und was bedeutet es, Kirche in und für die Welt zu sein?

Die Bischöfe aus allen Teilen der Erde, hatten sich viel vorgenommen. Nicht alles ging glatt ab. Es gab auch heftige Kontroversen um angemessene Antworten. Aber die gemeinsame Sorge um die Menschen hielt das Konzil zusammen. Und Johannes XXIII? Er hörte zu, moderierte die Versammlung und verwarf manchen Vorschlag, der doch zu sehr nur die alte Zeit wieder aufleben lassen wollte. Bald spürten die Konzilsväter, dass er auch ganz anders konnte und zupackte, wo es nötig war. Und das war nicht für jeden angenehm.

Wie würde Johannes heute auf die Kirchenkrise reagieren? Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, dass er allen zeigen würde, dass es andere Möglichkeiten und Wege in der Kirche gibt. Sicher würde er auch für die eine oder andere Überraschung sorgen. Und Martin Luther? Mir als Katholiken ist er auch wichtig geworden. Er wollte wie Johannes der Kirche ein neues Gesicht geben. Und er wollte, dass sich die Kirche zu den Menschen hinbewegt und zeitgemäße Antworten auf aktuelle Fragen gibt.

„Ich kann nicht anders!“ „Ich kann noch anders!“ Ganz gleich, ob die Aussprüche nun so gefallen sind, oder nicht. Ich bewundere beide Männer, weil sie sich ernsthaft Sorgen um die Menschen und die Kirche gemacht hatten. Sie schöpften ihre Kraft aus einem unerschütterlichen Gottvertrauen und wichen nicht von ihren Standpunkten zurück, auch wenn das andere gerne gewollt hätten.

Wolfram Rösch

Moment mal

Nur Erstkommunion?!

In den Gemeinden hat die Vorbereitung der Kommunionkinder begonnen. Das Ziel ist die feierliche Erstkommunion. Was ist danach?
Ehrenamtliche und Hauptamtliche haben sich eingebracht und engagiert, damit es für die Kinder ein schöner und eindrucksvoller Weg wird. Doch meistens ist dann wieder „Pause“ angesagt.
Sehen wir es doch positiv! Obwohl für Eltern und Kinder der Kirchgang nicht mehr selbstverständlich ist, haben sie mitgemacht.
Die Kinder haben zum ersten Mal die Heilige Kommunion empfangen und den Leib Christi verkostet.
Das ist schon mal sehr viel.
Es ist die Gabe Gottes, die bleibt. Das macht Hoffnung. Manche bleiben auch in der Gemeinde sichtbar und hörbar.
Wir als Gemeinschaft der Kirche sagen jeden Sonntag Gott Dank durch die Feier der Eucharistie.
Zusammen bilden wir den Leib Christi und gehören zusammen, auch wenn einige Christen wieder zu Hause geblieben sind. Das Dach Gottes ist groß und seine Güte reicht so weit die Wolken ziehen.
Pfarrer Karl Enderle

Moment mal

Ich habe fertig

„Ich habe fertig!“ der Ausspruch des ehemaligen Bayerntrainers Giovanni Trapattoni wurde zum geflügelten Ausdruck, wenn es darum geht, einen sprachlichen Schlussstrich zu ziehen. Gepaart mit den überschäumenden Emotionen des Trainers markieren Worte ein Ende, an dem es nichts zu rütteln gibt.
Der Prophet Jona war wohl ein ähnlicher Hitzkopf. „Schluss, aus, ich habe fertig“, kann auch durchaus über seine Lippen gekommen sein. Es nervte ihn und er hatte keine Lust, als er die Worte Gottes hörte, die Bürger von Ninive zur Umkehr zu bewegen. In seinen Augen war das verlorene Liebesmüh. Es hatte für ihn keinen Sinn, denn Ninive war bis zum Grund verdorben und korrupt. Warum also irgendwelche Energie für die Stadt verschwenden? Jona ging daher in die andere Richtung. Er wollte nach Tarschisch. Während Ninive im Osten lag, so befand sich Tarschisch im Westen. Er wollte an das Ende der damaligen Welt. Nur weit weg davon, wohin ihn Gott führen mochte.
Doch daraus wurde bekanntlich nichts. Immer wieder griff Gott ein. Sei es durch einen Sturm, worauf Seeleute den Propheten zur Beruhigung der Naturgewalten ins Meer warfen, oder dann der berühmte Fisch, der Jona drei Tage im Bauch behielt. Erst dann kehrte Jona um und ging nach Ninive. Die Menschen in der Stadt hörten auf seine Predigt und änderten sich. Sie gingen in „Sack und Asche“, um das auch deutlich zu machen. Das hatte Jona wohl nicht erwartet. Von Ferne wollte er unter einem Rizinusstrauch, der ihm Schatten spendete, den Untergang beobachten. Aber Gott dachte nicht daran, die Stadt zu zerstören. Im Gegenteil: ein Wurm bewirkte, dass der Strauch einging. Jona brannte die Sonne auf den Kopf, er hatte keinen Schatten mehr und mochte nur noch sterben. „Ich habe fertig!“ – mit Gott, mit Ninive und schließlich mit dem eigenen Leben.
Gott ließ sich auf Jona ein und debattierte mit ihm: Warum solch Aufhebens wegen eines Strauches? Warum sollte ihn nicht die vielen Menschen reuen, die in der Stadt lebten? Wiegt ein Menschenleben nicht die Schuld auf? Meinte Jona wirklich, dass es keine Möglichkeit gibt das Leben neu zu ordnen? Jona musste noch viel lernen.
Das Buch Jona lässt uns schmunzeln und gerade durch seinen Humor können wir uns darin wiederfinden. Im Grunde ist jeder von uns auch ein Jona. Der Humor erlöst uns, denn er ist keine Anklage, sondern mit seiner liebenswürdigenden Kraft deckt er manch skurrile Schwächen auf, über die wir selbst lachen können. Von diesem Humor Gottes legt das Buch Zeugnis ab. Es schenkt uns eine Freude, keine Schadenfreude, die uns unser Leben annehmen lässt. Zwar mag unser Leben unvollkommen und mit Schuld belastet sein, doch – so die Botschaft – Gott liebt diese Welt, auch wenn sie unvollkommen ist.
Jonas Berufung war im Grunde ein Fehlgriff, aber ein guter, denn jeder von uns kann Jona sein, wenn wir in der besten Absicht eigentlich alles verkehrt machen. Aber gerade diese Haltung führt uns zu Gott, der barmherzig ist und dem das Schicksal der Menschen nicht gleichgültig ist. Jona führt uns zu einem Gott, dessen Geschichte mit den Menschen niemals ein Ende hat und der auch nicht sagen würde „Ich habe fertig!“


Moment mal

Gott erfahren

Erstes Buch Samuel, Kapitel 3:
Der junge Samuel versah den Dienst des Herrn unter der Aufsicht Elis. In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten; Visionen waren nicht häufig. Eines Tages geschah es: Eli schlief auf seinem Platz; seine Augen waren schwach geworden und er konnte nicht mehr sehen. Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen und Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr den Samuel und Samuel antwortete: Hier bin ich. Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen.

Wie können wir eine Ahnung von Gott erhalten? Wie können wir Gott erfahren? Im Grunde ist es das Unscheinbare, das ganz Gewöhnliche mitten im alltäglichen Leben. Hier ist ein entscheidender Ort, an dem wir alle Gott selbst erfahren können. Es liegt an uns wie wir das Leben deuten, ob wir zum Beispiel in der Schönheit der Natur, in der Liebe zu einem Menschen oder in einem bestimmten Musikstück eine Ahnung erfahren, dass es etwas gibt, das über uns hinausgeht. Und da merken wir schnell, dass dies nicht für alles gleich gilt. Jemand sieht in einer bestimmten Blume einfach mehr, anderen können sie nicht einmal benennen. Oder ein Musikstück, das bei einem tiefe Gefühle auslöst, lässt andere kalt, wenn sie nicht sogar froh sind, wenn es endlich ein Ende gefunden hat. Und wir wissen, dass wir nicht bei allen Menschen die gleiche tiefe Zuneigung empfinden.

Wir müssen nicht krampfhaft Situationen oder Orte suchen, wo andere eine Erfahrung des Geheimnisses gemacht haben, das kann schief gehen, weil wir - trotz aller Anstrengung nichts hören, sehen oder fühlen. Dadurch können wir enttäuscht werden und zum Schluss kommen, dass das mit dem Glauben und mit Gott gar nicht wahr sein kann.

Was uns die Bibel lehrt ist etwas anderes, nämlich folgendes: Wir müssen aufmerksam auf uns selbst werden, wo es bei uns Situationen, Ereignisse gab, die auf eine Weite und Tiefe hindeuteten und den normalen Alltag durchbrachen. Denn gerade der Alltag kann für uns die Einladung sein, die ganze Wirklichkeit unseres Lebens erfahren zu lernen. Denn hier, mitten im Leben, mit den Höhen und Tiefen ist das Geheimnis als das unbegreifliche Geheimnis, das Gott selbst ist, anwesend. Und schnell wird uns dann deutlich, dass Gott nicht nur im Außergewöhnlichen, sondern gerade auch und erst recht in den alltäglichen Lebenserfahrungen gegenwärtig ist.

Manchmal werden wir dazu Menschen benötigen, die kritisch nachfragen, die uns helfen die Spreu vom Weizen zu trennen, die uns die Gabe vermitteln, unseren eigenen Gotteserfahrungen auf die Spur zu kommen. Ich bin überzeugt, dass eine Gemeinde, wo Menschen verschiedener Herkunft und mit verschiedenen Gaben, jener Ort sein kann, wo man miteinander ins Gespräch über den Glauben kommen kann, wo man ein Gespür für das ganz andere, für die Fülle des Lebens bekommt.

Moment mal

Die Vision des neuen Lebens

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!“, meinen die einen. Andere sagen deutlich: „Ein Volk ohne Visionen geht zu Grunde.“ Die Ansichten zum Thema „Vision“ sind weitgefächert.

Einerseits gibt es manche Menschen, die eine Vision an die andere reihen: sie träumen von einer tollen Zukunft mit Traum-Job, ständigem Urlaub und einem Einkommen, das jeden Wunsch erfüllt. Sie lassen ein Luftschloss nach dem anderen entstehen, versäumen aber letztlich den Schritt nach vorne zu wagen. Und so bleiben die Visionen schöne und unrealistische Träume, die mehr und mehr in der Schublade des Erinnerns verstauben.

Andererseits können Visionen aber auch den Ansporn geben, etwas zu ändern. Sie zeigen uns, dass es auch noch andere Möglichkeiten geben kann. Sie lassen uns neue Aspekte in den Blick nehmen und machen uns frei, das Undenkbare zu denken. Visionen können uns antreiben, neue Ideen in der Energiepolitik, in der Welternährung und in der Mitbestimmung im Staat zu entwickeln.

Von Menschen mit Visionen erzählt das Epiphanie-Fest, das uns besser unter dem Namen Dreikönig bekannt ist. Im Mittelpunkt stehen Sterndeuter, die aus dem Osten kamen. Ein Stern, eine Lichterscheinung am Himmel war für sie Zeichen und Anlass, in ein fernes und fremdes Land aufzubrechen. Tief in sich trugen sie die Vision eines neugeborenen Königs, der der ganzen Welt Frieden bringen sollte. Der Stern führte sie nach Israel. Über Jerusalem, das sich als Sackgasse erwies, gelangten sie schließlich nach Betlehem, das in alten Schriften als der Ort bezeichnet wird, wo der neue Hirte geboren werden sollte.

Schließlich fanden die Sterndeuter dort, was sie suchten: das Kind und seine Mutter. Und sie wurden von großer Freude erfüllt. Der weite Weg hatte sich für sie gelohnt, denn sie erfuhren dort den Frieden, das Heil und das Leben, nach dem sie sich die ganze Zeit sehnten.

Heute sind es Mädchen und Jungen, die die Vision der Sterndeuter wachhalten. Als Sternsinger sind sie unterwegs und erzählen immer wieder neu die alte Geschichte vom Heil, das da in Betlehem geboren wurde. Es bleibt bei ihnen aber nicht beim bloßen Erzählen. Sie setzen sich für die Rechte der Kinder in aller Welt ein. In diesem Jahr sind es Projekte in Nicaragua, die Kinder stärken und sie selbstbewusst machen sollen, um sie vor Gewalt und Übergriffen zu schützen.

Wir Menschen brauchen Visionen, so bin ich überzeugt, denn sonst gehen wir wirklich zu Grunde. Luftschlösser dürfen es keine sein, die wir errichten. Sondern wir müssen die Visionen mit Inhalten und Leben füllen. Ähnlich wie damals die Sterndeuter aus dem Osten, oder heute die Sternsingerinnen und Sternsinger.

Moment mal

Weihnachten - Mut zum Leben finden

Evangelium nach Lukas Kapitel 2, Vers 1-14

In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe / und auf Erden ist Friede / bei den Menschen seiner Gnade.

Das Leben ist zerbrechlich, das macht uns das Kind in Betlehem deutlich, aber auch wir spüren es selbst bei uns. Der Wunsch nach einem perfekten Leben ohne Ecken und Kanten ist daher verständlich. Aber zugleich wissen wir, dass es das nicht gibt.

Die Botschaft von Weihnachten bestärkt zum Leben und ermutigt, das Leben in seinen vielen Schattierungen und in seiner ganzen Bandbreite wahrzunehmen. Als Christen müssen wir ein deutliches Gegengewicht setzen, wenn wir merken, dass menschliches Leben auf dem Prüfstand der Wirtschaftlichkeit steht. Wir müssen achtsam sein wenn Definitionen gesucht werden, wann das menschliche Leben beginnt oder endet.

Es ist eine frohe Botschaft, die damals den Hirten verkündet wurde. Es war ein Impuls der aufrüttelte, der aufstehen ließ und in Bewegung setzte. Die Hirten hörten das Evangelium vom Leben, vom Neubeginn Gottes mit den Menschen.

Und wir? Wir dürfen uns den Hirten anschließen und uns anstecken lassen von der neuen Freiheit die Gott den Menschen geschenkt hat. Wir dürfen uns anregen lassen vom Frieden, der jeder Gewalt ein Ende bereitet. Wir dürfen uns aufmachen und die frohe Botschaft lebendig werden lassen, die davon spricht, dass heute der Retter geboren wurde. Nicht nur damals in Betlehem, sondern hier und heute.